Auslöser für Konflikte liegen oft weit zurück. An den banalen Dingen des Alltags entzünden sich oftmals Konflikte, die uns lange beschäftigen. Bei den einen ist es die Zahnpastatube, bei anderen der offene Klodeckel. Der Konflikt wird zwar durch eine aktuelle Wahrnehmung los getreten, die wahre Ursache für die Explosion ist allerdings häufig eine getriggerte alte Verletzung.

Ein Postkasten als Trigger für alte Verletzungen

Da die Mauer unseres Hauses dringend eine Sanierung brauchte, rückten vor kurzem die Bauarbeiter an. Eine Lampe, einige Schalter und der Postkasten mussten dafür demontiert werden. Eine gute Gelegenheit, einen neuen Postkasten zu besorgen. Etwas größer sollte er sein als der bisherige, doch dann würde er an der bisherigen Position im Eingangsbereich stören.

Als die Bauarbeiter das Feld geräumt hatten und der neue Verputz trocken war, schritt ich ans Werk. Mit dem neuen Postkasten in den Händen probierte ich verschiedene Positionen, bis ich einen guten Platz dafür fand. Jetzt musste ich nur noch meine Frau von der neuen Platzierung des Postkastens überzeugen. Am besten soll sie mir gleich beim Montieren helfen, dachte ich mir. Dann wird es eine gemeinsame Arbeit, die alleine ohnehin mühsam ist und außerdem kann sie dann später nicht sagen: „Warum hast du den Postkasten nicht woanders hingegeben?“

Bewertung der Wahrnehmung führt zum Gefühl

Ich holte die Bohrmaschine, Schrauben und Dübel und da kam meine Allerliebste auch schon wie gerufen aus dem Garten. Zu zweit hatten wir schnell die optimale Position gefunden und entschieden. Für die exakte Montage holte ich ein Maßband. Als ich eine knappe Minute später wieder kam, war meine Frau verschwunden und das Gartentor verschlossen. Ich war ratlos. Wir wollten doch den Postkasten montieren. Während der Ärger in mir hoch stieg, sortierte ich meine Handlungsmöglichkeiten. Laut nach ihr rufen – die Nachbarn würden wahrscheinlich schneller da sein als sie. Den Schlüssel für das Gartentor holen und meine Frau suchen war eine andere Möglichkeit. Sie war einfach gegangen und hat mich allein gelassen!

Der Druck auf den Auslöseknopf

Ich spürte, wie sich neben dem Ärger der Schmerz über das Alleingelassen sein und eine Trotzhaltung in mir ausbreiteten, was zu einem inneren Dialog führten: „Ich krieg das auch alleine hin. Ich brauche sie gar nicht dazu!“ Es war etwas mühsam, den Postkasten ohne Assistentin zu montieren, denn ich habe leider nur zwei Hände. Doch schließlich schaffte ich es. Nur noch den Staub aufkehren und fertig. Der Besen war in der Gartenhütte. Also holte ich den Schlüssel zum Gartentor und entdeckte meine Frau im Garten. Sie lag gemütlich im Liegestuhl und ließ sich die Sonne auf ihr glücklich lächelndes Gesicht scheinen. Welcher Frevel: Mich alleine lassen und sich in die Sonne legen. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und ließ meinem Ärger freien Lauf. Meine Allerliebste sah mich verwundert an und sagte nicht sehr viel. Doch ein Satz traf mich voll. „Wenn du was von mir willst, brauche ich klare Anweisungen!“ Da hörte ich meine eigenen Worte, die ich bei anderen Gelegenheiten gerne ihr gegenüber verwendet hatte. Meine Frau hatte mich mit meinen eigenen Argumenten geschlagen. Sollte ich jetzt lachen oder mich weiter ärgern? Ich suhlte mich noch eine Weile im Ärger, während ich aufkehrte. Meine Frau kam, um mein Werk zu bewundern und während wir gemeinsam aufräumten, ergab sich die Gelegenheit, die Situation zu klären.

Dass meine Frau unerwartet verschwunden war, als ich ihre Hilfe erwartete, stellte sich als Auslöser für eine alte Verletzung aus der Kindheit heraus. Darum reagierte ich heftig und trotzig und mein Handlungsspielraum engte sich ein. Als mich meine Frau mit meiner eigenen Weisheit konfrontierte, erkannte ich ihre Lernfähigkeit und dass auch ich nichts erwarten darf, was ich nicht ausspreche. Bedürfnisse klar auszudrücken ist ein wunderbares Werkzeug, welches Missverständnissen vorbeugt.

Veränderung ist möglich

Tipp: Gehen Sie den letzten Streit noch einmal in Gedanken durch. Was war der Auslöser? Durch welche Worte oder Verhaltensweisen wurden Sie besonders getroffen? Hat es Sie an frühere Konfliktsituationen erinnert. Wie haben Sie darauf reagiert?  Nehmen Sie sich Zeit, wahrzunehmen, welche Erinnerungen, Gedanken oder Bilder auftauchen. Sind bestimmte Muster zu erkennen, wie Ihre Konflikte ablaufen? Das bewusst machen der inneren Abläufe in einer Situation ist ein wichtiger Schritt zur Veränderung und zur Heilung alter Verletzungen.

 

1 Kommentar
  1. Singer Josef
    Singer Josef sagte:

    Im Unterbewussten ist das Verhalten aus der Kindheit gespeichert wie auf einer Computerfestplatte. Das Unterbewusstsein kann aber das Speicherdatum nicht erkennen und macht keinen Unterschied ob es gestern war oder vor 30Jahren.
    Das rationale Gehirn kann so einen Zeitschwindel erkennen, aber es ist vom Denkprozess viel langsamer.
    Gerade im Stress regiert -oft unbemerkt- das Unterbewusstsein.

    selbst schon öfters erprobt – aus dem Buch von Harville Hendrix, Ph.D. „So viel Liebe wie Du brauchst“

    Antworten

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